Modell „Tempe à Pailla“
Maßstab 1:50, Julia Kochendörfer, fatuk/RPTU
Als Bühnenbildentwurf inszeniert dieses Modell „Tempe a Pailla“ als erzählende Architektur, als Ort der Erinnerung und als Zeitzeuge seiner eigenen Geschichte. Zerstörung, Lichtführung und die allmähliche Leere des Grundrisses verweisen auf die Fragilität kulturellen Erbes und auf die bleibende Präsenz von Eileen Grays Architektur.
Der Entwurf des Bühnenbildes befasst sich mit der szenischen Umsetzung der Geschichte von „Tempe a Pailla“, einem Haus der irischen Architektin Eileen Gray. Im Zuge dieser Auseinandersetzung rückt das Gebäude in den Mittelpunkt, indem es als handelnde Figur zu Wort kommt. Das Haus wird zum Protagonisten, der seine Entstehungsgeschichte mit Eileen Gray, seine Zerstörung im Zweiten Weltkrieg und unsere heutige Beschäftigung mit ihm zum Ausdruck bringt. „Tempe a Pailla“ ist in diesem Fall nicht allein als architektonischer Entwurf zu verstehen, sondern als personifizierter Raum, der Geschichte, menschliches Schicksal und künstlerische Vision sichtbar macht.
Das Bühnenbildmodell zeigt einen Ausschnitt von „Tempe a Pailla“ nach seiner Verwüstung und ist in einem Schaukasten untergebracht. Dieser Ausschnitt umfasst das Wohnzimmer mit seiner direkten Verbindung zur Terrasse.
Das Modell fungiert als kontrollierter Raum zur Untersuchung von Licht und Zeit. Die Bewegung der Lichtquelle verändert Wahrnehmung, Schatten und räumliche Tiefe kontinuierlich. Licht wird zum aktiven Gestaltungselement, das Raum und Geschichte verbindet.
Tempe à Pailla ist konsequent auf den Verlauf der Sonne ausgerichtet. Über dem Modell schwebt eine Glühbirne, die als Sonne fungiert. Sie wird mithilfe eines Ellipsenzirkels bewegt. Im Modell bewegt sich das „Sonnenlicht“ somit auf einer länglichen Kurve um das Haus und macht die zeitliche Veränderung von Licht im Raum sichtbar.
Die Konzeption des Bühnenbilds geht über die reine Darstellung im Schaukasten hinaus und versteht „Tempe a Pailla“ als erzählende Instanz. In einer theoretischen Inszenierung könnte das Haus „sprechen“ und seine Geschichte offenbaren. Zunächst zeigt sich das „Vergangene Ich“: die Entstehungszeit, in der Eileen Grays Vision von Licht und Offenheit noch unversehrt ist. Darauf folgt das „Zerstörte Ich“, das vom Einbruch des Krieges gezeichnet wurde und die Narben von Fremdbesetzung und Verwüstung trägt. Schließlich formt das „Heutige Ich“ den Bogen zur Gegenwart, indem es unsere heutige Sicht auf das Haus reflektiert: ein Zeugnis ihrer Baukunst und zugleich ein Mahnmal für die Verletzlichkeit kulturellen Erbes. In diesem theoretischen Konzept würde „Tempe a Pailla“ selbst zum Protagonisten, der seine wechselvolle Geschichte durchlebt und präsentiert. Das Bühnenbild, angelegt als Schaukasten mit elliptisch bewegter Lichtquelle und sukzessiver Dekonstruktion der Möblierung, bildet dafür den Rahmen – Bühne –. Die für Eileen Gray so charakteristische und wichtige Ausrichtung des Hauses zur Sonne bleibt selbst unter gewaltvollen Einflüssen unversehrt.
Im Hintergrund der Bühne befindet sich der Grundriss als digitaler Plan. Er beinhaltet zunächst alle Möbel und Einbauten und dokumentiert im Laufe des Stücks den Fortschritt der Zerstörung. Was im Haus passiert, bildet der digitale Plan ab und erlaubt so einen Blick „hinter die Kulissen“. Am Ende bleibt nur die „leere Hülle“. Diese „Substanz“ hat noch immer, dank Eileen Grays klarer Formensprache, eine kraftvolle Präsenz.
Ein Drehbuch soll den theoretischen Rahmen für die Bespielung des Bühnenmodells liefern. Die Ellipsenbewegung der Lichtquelle spiegelt den Sonnenlauf wider, während die Projektion den Zustand des Hauses fortlaufend visualisiert. Die Zerstörung in Szene 2 und 3 sowie der Wiederaufbau in Szene 4 illustrieren den Wandel zwischen Hoffnung, Verwüstung und Erneuerung. „Tempe a Pailla“ bleibt in allen Szenen Protagonist – ein Ort, der spricht, erinnert und hofft – ein Zeitzeuge.
Die Sonnenposition wird durch die Bewegung einer Lichtquelle entlang einer elliptischen Bahn erzeugt, die mithilfe eines Ellipsenzirkels geführt wird. Jede Szene entspricht einem definierten Abschnitt dieser Bewegung. Die Abfolge beginnt mit einer Szene zur Mittagszeit, in der sich die Sonne im Süden des Modells befindet. Das Licht trifft steil in den Raum ein und erzeugt eine klare, direkte Ausleuchtung.
In der darauffolgenden Szene befindet sich die Sonne außerhalb des sichtbaren Raums. Die Lichtquelle ist im Modell verdeckt, der Raum liegt weitgehend im Dunkel. Diese Phase entspricht der Nacht. Anschließend tritt die Lichtquelle wieder in den sichtbaren Bereich der elliptischen Bahn ein. Das Licht erscheint flach und zurückhaltend und illusioniert einen Sonnenaufgang. Diese Bewegung markiert den Übergang in einen neuen Tag.
In der letzten Szene befindet sich die Sonne im Südosten des Modells. Das Licht fällt erneut flach in den Raum ein und verweist auf eine Morgen- bis Vormittagssituation. Die kontinuierliche Bewegung der Ellipse verbindet alle Szenen zu einer zeitlichen Abfolge.
