Keuschheitsgürtel

20.01.2018 | 14:53

Keuschheitsgürtel, Süddeutschland/Österreich, 19. Jh, freundliche Leihgabe der Schell Collection Graz

Keuschheitsgürtel
Die Verbreitung und Anwendung von Keuschheitsgürteln ist unter Historikern äußerst umstritten. Während einige Quellen die Verwendung bis ins alte Ägypten zurückzuverfolgen glauben, gibt es inzwischen auch Behauptungen, dass Keuschheitsgürtel eine Erfindung des viktorianischen Zeitalters und die angeblich aus dem Mittelalter stammenden Exemplare allesamt Fälschungen seien. Vermutlich stammte die Erfindung jedoch aus der Zeit der italienischen Frührenaissance („Florentiner Gürtel"). Es ist also keineswegs wissenschaftlich gesichert, dass die Ritter - während sie sich auf Kreuzzug befanden - ihre Gattinnen und eventuelle Mätressen in Eisen legten, um deren Treue und Keuschheit während ihrer Abwesenheit sicherzustellen. Jedem realistisch denkenden Menschen sollten sich massive Zweifel an diesen Geschichten aufdrängen. Sicherlich hätte das blanke Eisen, eng anliegend auf der bloßen Haut getragen, diese binnen weniger Tage wundgescheuert und unter Bedachtnahme auf die damaligen hygienischen Verhältnisse wäre wohl jede Trägerin innerhalb kurzer Zeit aufgrund von Infektionen gestorben. Unumstritten ist dagegen die Tatsache, dass es seit mehreren Jahrhunderten Vorrichtungen gibt (eines der letzten Patente dafür stammt aus dem Jahr 1903), die die Geschlechtsorgane der Frauen abdecken sollen, ohne die Verrichtung der Notdurft unmöglich zu machen. Modelle mit etwas mehr Tragekomfort waren mit Leder oder sogar mit Samt gepolstert, wobei das Grundproblem der Hygiene dadurch sicherlich verschärft wurde. Einleuchtend klingt jedoch die These, dass sich manche Frauen der vergangenen Jahrhunderte diesen Keuschheitsgürtel bei Bedarf selbst anlegten, um bei Raubzügen oder Überfällen durch irgendwelche Feinde oder bei weiten Reisen gegen drohende Vergewaltigungen geschützt zu sein. Eine weitere Theorie besagt, dass Keuschheitsgürtel als Folter- und Marterinstrumente verwendet oder in Nonnenklöstern als Instrumente der Zucht benutzt wurden.
Vermutlich hat ein großer Teil der erhaltenen Keuschheitsgürtel lediglich der Repräsentation- und Sammeltätigkeit gedient und war nie in Gebrauch. Auch die Vermutung, dass die Schlossermeister früherer Jahrhunderte an der Anfertigung von Nachschlüsseln ein kleines Vermögen verdient hätten, dürfte zu den vielen Märchen über dieses Martergerät zählen.

 

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