Häusliche Idylle

16.11.2017 | 17:36

Carl Spitzwegs "Zeitungsleser"

Carl Spitzweg, Zeitungsleser im Hausgärtchen, 1845/48, mpk, Gemäldesammlung

In einem kleinen, verwinkelten Hausgärtchen ist ein Mann in die Lektüre seiner Zeitung vertieft. Die strahlende, aber noch tief stehende Morgensonne vermag die Terrasse noch nicht bis in den letzten Winkel auszuleuchten. Frühstücksgeschirr und Pfeife komplettieren das Bild intimer Behaglichkeit. Nach vorne wird das Gärtchen durch eine gemauerte Balustrade mit Treppenaufgang, nach hinten durch eine hohe, weiß gekalkte Mauer begrenzt. Üppiges Grün von Bäumen, Topf- und Kletterpflanzen rahmt den Bildausschnitt ein, der durch das kontrastreiche Spiel aus Licht und Schatten belebt wird. In Carl Spitzwegs (1808–1885) Darstellung der morgendlichen Idylle liegt jedoch auch ein karikaturhafter Zug: Abgeschirmt von der Welt bleibt das wahre Leben ausgesperrt. Allein durch die Zeitung, die mit kritischem, fast verächtlichem Blick studiert wird, vermag die Außenwelt in die häusliche Idylle einzudringen. Das Bild der heimeligen, privaten Enge schlägt um und wird zum Sinnbild für die geistige Enge des biedermeierlichen Kleinbürgers. Genrebilder wie diese haben Spitzwegs Ruf als Vertreter des gemütlichen Münchner Biedermeier begründet, wobei häufig der satirische Zug seiner Arbeiten außer Acht gelassen wird.
Mit heutigem Blick erhält das Werk eine zusätzliche und zugleich doppeldeutige Ebene. Angesichts unzähliger technologischer Neuerungen verlieren wir den Überblick, der Rückzug in die „häusliche Idylle" ist dabei ebenso verlockend wie unmöglich. Oder ist in einer Welt digitaler Fußspuren und potentieller Überwachung der eigene Garten tatsächlich noch privat?



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